Samstag, 8. Juni 2013

Donnerstag, der 30.05.2013 - für diesen Tag habe ich bei  Solo East Travel eine Tour nach Tschernobyl und Prypjat gebucht. 9.896 Tage nach der Havarie des Reaktors 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl.

Der Ort an dem die größte Katastrophe Europas seit dem 2. Weltkrieg stattgefunden hat, der Ort an dem endgültig klar wurde, dass nuklear erzeugte Energie gefährlich ist und nicht immer vollständig vom Menschen kontrolliert werden kann. Der havarierte Reaktor 4 in Tschernobyl ist der Inbegriff einer Katastrophe, eines Super-Gaus, "Die Welt" bezeichnete Tschernobyl als den Anfang vom Untergang der Sowjetunion. 

149 Dollar plus 10 Dollar Mietgebühr für den Geigerzähler plus 3% bei Bezahlung mit Kreditkarte. Soviel kostet der Eintritt zu einem der schaurigsten Ort der Welt. Treffpunkt war um 8.45 Uhr vor dem Kozatskiy Hotel direkt am Maidan Hauptplatz in Kiew. 

Kozatskiy Hotel bei Nacht - das dritte Gebäude von rechts

Pünktlich ist auch schon ein Mitarbeiter von Solo East Travel da. Er zeigt mir zwei verschiedene Geigerzähler. Ich entscheide mich für den kleineren von beiden. Das Gerät hat ungefähr die Größe eines 90er Jahre Mobiltelefons. In Kiew messe ich selbstverständlich das erste Mal den aktuellen Strahlenwert, um einen Referenzwert zu haben, wenn wir dann später in der Sperrzone sind. 0,11mSV/h -ist der aktuelle Wert. 


Strahlungswert in Kiew

Bis viertel vor neun waren dann noch die restlichen Tourengeher eingetroffen. Zwei Amerikaner und eine Caro aus Deutschland. Der Mitarbeiter von Solo East Travel kontrollierte unsere Reisepässe - ohne denen ist ein Einlass in das Sperrgebiet von Tschernobyl nicht möglich. Danach ging es dann los, auf die circa 2 stündige Fahrt in nördlicher Richtung von Kiew. Die Landstraßen waren in einem äußerst schlechten Zustand, voll mit Schlaglöchern. Die Fahrt glich einem Slalomlauf. Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurde während der Fahrt eine Dokumentation über das Unglück gezeigt (The Battle of Tschernobyl - youtube Link). Eine spannende Einstimmung auf dem Weg in die Sperrzone. Nach circa einer Stunde Fahrt sammelten wir am Straßenrand unseren Tourguide Maxim auf. Dieser ist, wie er uns erzählt, kein Angestellter der Tourcompany "Solo East Travel" sondern arbeitet für den Staat. An 15 Tagen im Monat führt er die Gruppen durch die Sperrzone. Zunächst teilt er uns einen Zettel mit den Sicherheitshinweisen und Verboten aus. Diesen müssen wir unterschreiben. 
Verhaltensregeln für die Sperrzone

Vom Tourveranstalter wurden wir bereits vor Tourstart darauf hingewiesen lange Hosen und langärmelige Kleidung zu tragen. Dies dient u.a. dem Schutz vor Stechmücken. Außerdem informiert der Zettel, dass es verboten ist sich in der Sperrzone hinzusetzen und man möglichst versuchen sollte nichts zu berühren. Essen und Trinken außerhalb des Fahrzeugs ist verboten. Natürlich ist es auch verboten Material aus dem Sperrgebiet mitzunehmen. Dieser Hinweis dient wohl vor allem Touristen, die die Gefahr der radioaktiven Strahlung nicht ernst nehmen. 

Der Regelkatalog ist lang und damit die Regeln auch eingehalten werden, ist unser Tourguide mit dabei. Er informiert uns auch darüber, dass es seit 2011 nicht mehr erlaubt ist, irgendwelche Gebäude in der Sperrzone zu betreten. Der Grund dafür ist, dass die Gebäude in Prypjat seit dem Reaktorunfall nicht mehr gewartet werden und vom Einstürzen bedroht sind. Auch auf dezente Bestechungsversuche meinerseits ist Maxim nicht eingegangen. Der Hinweis ist missverständlich. Sollte mir etwas in einem der Gebäude passieren, verliert er seinen Job - Solo East Travel kann den Laden dicht machen und vielleicht werden dann Dauerhaft alle Touren in der Sperrzone verboten.

Nach dem Film und weiteren 30 Minuten Slalomfahrt durch die Nordukraine (fast jedes Dorf hat ein großes, sowjetisches Denkmal zum WWII) kommen wir schließlich zum ersten Check-Point an der 30km Sperrzone. Alle Checkpoints werden von der Miliz bewacht. Jetzt heißt es erst mal warten - vor uns steht noch ein anderer Kleinbus mit Touristen. Eine Person von der Miliz checkt unsere Reisepässe und unser Tourguide kümmert sich um den Papierkram. Am Ende steht mein Name auf dem Zettel. Tobias H. und 5 weitere Gäste (namentlich nicht benannt) erhalten Zutritt in die Sperrzone. Das ist natürlich ein Zufall - ich weise meine Mitreisenden an, sich den Verhaltensregeln entsprechend zu benehmen, da ich nun wohl indirekt für die Disziplin in der Gruppe verantwortlich bin. 

An den Checkpoints selber ist es nicht gestattet zu photographieren. Außerdem ist der Checkpoint der letzte Ort an dem wir eine Toilette benutzen dürfen. Wir fahren jetzt weitere 20 km in die Zone hinein und kommen bereits an den ersten kleinen Geisterortschaften vorbei. Ausgelassene Wohngebiete die, wild umwachsen, brachliegen.
Fahrt durch die Sperrzone

Überraschend ist, dass die Straßen hier in einem wesentlich besseren Zustand sind, als außerhalb des Sperrgebiets. Der Tourguide erklärt das damit, dass nach dem Unglück die Infrastruktur gut in Schuss gehalten wurde um eventuelle Notmaßnahmen problemlos und rasch durchführen zu können.

Nach circa einer halben Stunde Fahrt durch die Sperrzone (und zwei weiteren Zwischenstopps bei Verwaltungsgebäuden / Check Points wegen Papierkram) kommen wir in das Städtchen Tschernobyl. Viel gibt es hier nicht zu sehen. Dieses Dorf bestand schon lange vor dem Atomkraftwerk. Das Kraftwerk erhielt seinen Namen vom Dorf und nicht anders rum. "Tscherno" steht für Schwarz und "byl" für weiß (vielleicht auch anders rum) - da die Leute in diesem Ort immer nur Schwarz-Weiß gekleidet waren - erzählt der Tourguide.
Kirche in Tschernobyl

Unser Bus auf dem Hauptplatz von Tschernobyl

Nach dem Besuch des Dorfs Tschernobyl geht die Fahrt weiter Richtung Atomkraftwerk. Immer wieder kommen wir an anderen Fahrzeugen vorbei oder sehen Menschen auf den Gehwegen. Es ist mehr los in diesem Sperrgebiet als erwartet. Der Strahlenwert hat zu diesem Zeitpunkt kaum zugenommen. Obwohl wir die 30km-Sperrzonengrenze schon lang hinter uns haben zeigt mein Geigerzähler kaum veränderte Strahlenwerte. Ca. 0,17mSV/h - also nur marginal weniger als in Kiew. 
 Lenin Statue in der Sperrzone

 Verlassene Straße wenige Kilometer vor dem Atomkraftwerk

 Verlassene Arbeiterwohnungen

 Denkmal für die Feuerwehrmänner, die unter Einsatz ihres Lebens, gegen das Unglück kämpften und häufig innerhalb kürzester Zeit an der Strahlenkrankheit verendeten


 Fahrzeug-Friedhof für Roboter und Fahrzeuge, die bei der Beseitigung von radioaktivem Material mitgeholfen haben

Nach diesen diversen Zwischenstopps fahren wir zum einzigen Gebäude, dass man während der Tour betreten darf - der ehemalige Kindergarten. Dieser liegt nicht direkt in Prypjat, sondern etwas außerhalb. Wir parken an der Straße. Viele Gelsen schwirren in der Luft. Am Abend merke ich, dass ich einige Male gestochen wurde und meine rechte Hand ist recht stark angeschwollen - müssen wohl mutanten Gelsen gewesen sein. 

Aufgrund der starken Vegetation vor dem Kindergarten müssen wir uns erst durch ein kleines Waldstück schlagen. Hier schlägt der Geigerzähler zum ersten Mal aus. Bis zu 3,5mSV/h zeigt mir das Gerät an. Ab 3,3mSV/h beginnt das Gerät mit einem eindringlichen, akustischen Alarm. Wenn man den zum ersten Mal hört läuft es einem kalt den Rücken runter. Auf dem circa 50 Meter weiten Weg von der Straße zum Kindergarten wird man von einer Kinderpuppe am Boden begrüßt. Ein schauriger Willkommensgruß. Im Gebäude können wir uns frei bewegen. Wahrscheinlich ist es der seltsamste Ort der ganzen Tour. Hier wird einem das ganze Schicksaal der Region bewusst. In dem offensichtlich geplünderten Gebäude befinden sich aber immer noch jede Menge Puppen und Lernspielzeug. Die Atmosphäre ist bedrückend. Keiner der Personen in der Gruppe spricht lauter als angebracht. Es ist fast so, als ob man eine Kirche besichtigt. Der Respekt vor der Katastrophe wird spürbar. 
Die Strahlung nimmt zu und eine Puppe, ein stiller Zeuge der Katastrophe, begrüßt uns 

Kinderbetten, in denen seit 1986 nicht mehr geschlafen wurde

Da kann Chucky die Mörderpuppe einpacken....

Der einsame Fisch schaut zum Fenster hinaus - Kinder werden keine mehr mit ihm spielen...

Ich im Kindergarten

Der Eingangsbereich des Kindergartens

Nach diesem eindrucksvollen Ort setzen wird die Fahrt weiter. Jetzt fahren wir zum Ursprung des Übels. Da es nie statistische Erhebungen gegeben hat, ist bis heute keine genaue Opferanzahl, die auf den Reaktorunfall zurückzuführen ist, bekannt. Schätzungen gehen von 20.000 bis 100.000 Toten aus. 

Wir kommen dem Kraftwerk näher. Umspannwerke und industrielle Anlagen verraten die Nähe. Wir machen einen letzten Stopp bevor es zum Reaktor 4 geht. Wir halten in der Kurve einer breiten Straße. Von hier hat man einen weiten Blick auf alle Reaktoren von Tschernobyl.

Blick auf das Kernkraftwerk Tschernobyl. Links der havarierte Reaktor 4.

Jetzt fahren wir durch den letzten Checkpoint vor dem Atomkraftwerk. Maxim erinnert uns an das Fotoverbot bei den Checkpoints. Wir umrunden das Kraftwerk und parken an einem Vorplatz -direkt vor dem havarierten Reaktor. Wir sind vielleicht 200 Meter entfernt von der Hülle des mächtigen Sarkophags. Jetzt schlägt mein Geigerzähler am stärksten aus. Circa 4-5mSV/h sind die höchsten Werte die ich einfange. Also um circa ein 40-50faches höher als die normale Strahlung in Kiew - aber: man spürt nichts, man sieht nichts und man schmeckt nichts. Die sogenannten Liquidatoren die nach dem Unglück am Dach von Tschernobyl gegen den Brand kämpften und schwer radioaktives Material entsorgten, sprachen von einem bleiernen Geschmack im Mund. Ein Geschmack den sie seit dem immer wieder im Mund haben und nie vergessen haben. Vergleichbares bemerke ich nicht. 

Als ich später die Bilder und Videos am großen Bildschirm betrachte, bekomme ich die Strahlung dann aber tatsächlich doch noch zu sehen - im nachfolgenden Video bzw. Foto ist ein blau-grüner Streifen erkennbar der senkrecht durch das Bild läuft:
 
p.s. das Video wurde in Full-HD aufgezeichnet und nur von Blogger stark reduziert - der bläulich grüne Streifen senkrecht im Bild ist die ersten 2-3 Sekunden sichtbar



 Störung im Bild: senkrechter, blau-grünlicher Streifen ziemlich genau in der Mitte des Fotos - außerdem starkes Bildrauschen im Hintergrund: visualisierte atomare Strahlung

Reaktorblock 4 mit Denkmal im Vordergrund - High Dynamic Range

Ehrenworte am Denkmal - auch in Englisch

Neben dem Reaktorblock 4 wird derzeit der neue Sarkophag errichtet. Dieser soll im Oktober 2015 fertiggestellt sein und den alten Reaktorblock komplett abschließen, versiegeln und für die nächsten 100 Jahre Sicherheit bieten. Mittlerweile gibt es immer mehr Risse und Komplikationen am alten Sarkophag. Er ist eine tickende Zeitbombe. Sollte der aktuelle Sarkophag havarieren bevor der neue darüber gezogen werden kann, steht Europa möglicherweise erneut vor einer nuklearen Katastrophe. 


Der neue Sarkophag der ab Oktober 2015 den Reaktorblock 4 für die nächsten 100 Jahre versiegeln soll

Nach circa 10 bis 15 Minuten verlassen wir den Platz vor dem Kernkraftwerk. All zu lange sollte man sich hier auch tatsächlich nicht aufhaltend. Irritierend wirken die Arbeiter die direkt neben dem Reaktor sitzen, rauchen und sich Sonnen. 14 Tage am Stück arbeiten sie in der Zone. Die Gefahr scheinen sie zu verdrängen. Noch abstruser wirken zwei junge Frauen, mit Mundschutz, die nur wenige hundert Meter vom Kraftwerk entfernt mit dem Schneiden von Hecken beschäftigt sind. Nachvollziehbar ist diese Tätigkeit nicht für mich. In der näheren Umgebung des Kraftwerks kommen wir an weiteren industriellen Anlagen vorbei, die sich mahnend gen Himmel strecken:
 Industrielle Anlagen nur wenige hundert Meter vom Kraftwerk entfernt



Nun fahren wir nach Prypjat. Die Geisterstadt - weniger als vier Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Am 26. April 1986 wohnten hier noch 49.360 Menschen - Altersdurchschnitt 26 Jahre. Einwohnerzahl am 27. April in den frühen Abendstunden: null. Circa 36 Stunden nach der Havarie war die Stadt binnen weniger Stunden evakuiert worden. Dies verhinderte allerdings nicht, dass Prypjat und seine Einwohner mehrere Male kontaminiert worden waren. Auf dem kurzen Weg vom Reaktor zur Stadt kommen wir an dem bekannten Stadtschild von Prypjat vorbei:
Stadtschild neben der Straße nach Prypjat - die Inschrift verrät das Gründungsjahr der Stadt

In Prypjat angekommen hat man den Eindruck in einem Urwald angekommen zu sein. Die Natur holt sich zurück was ihr gehört. Maxim meint, dass es eigentlich besser sei im Winter nach Tschernobyl/Prypjat zu fahren, da man mehr von den Gebäuden sieht. Das mag schon sein - aber die Sommermonate in Kiew und die Dschungelatmosphäre an diesem "Nicht-Ort" haben auch etwas für sich. Der Bus parkt mitten im Nirgendwo. Die nächsten zwei Stunden werden die Kleinstadt zu Fuß erkunden. Wir schlagen uns durch das dichte Gebüsch, permanent bemüht nicht ständig kontaminierte Pflanzen ins Gesicht oder an den Körper zu bekommen. 

 Am Ortseingang gibt die üppige Vegetation nur selten einen Blick auf die Gebäude frei



Durch das heitere Wetter und die Sonnenstrahlen die durch die Bäume schimmern, muss man sich immer wieder sammeln, um sich daran zu erinnern WO man sich gerade befindet. Es ist kein lustiger Klassenausflug durch den Wald, sondern eine Wanderung durch ein radioaktiv verseuchtes Gebiet. Und im Gegensatz zu Hiroshima oder Nagasaki sind hier die Strahlenwerte mitunter noch Lebensbedrohlich hoch. Nach dem Wiederaufbau von Hiroshima stiegen die Einwohnerzahlen der Stadt seit 1949 kontinuierlich an. Prypjat wurde durch radioaktiven Fallout mehrfach so schwer kontaminiert, dass frühestens in 200 Jahren eine Wiederbesiedlung denkbar ist. Außerdem wurden nur wenige Teile von Prypjat dekontaminiert. An manchen Fußwegen sieht man es: wenn das Erdreich links und rechts vom Weg 20, 30 cm tiefer liegt - dort wurde verseuchte Erde abgetragen. Es ist heute auch nicht klar wie mit Prypjat weiterverfahren werden soll. Eine Erhaltung als Denkmal? 

Auf einer kleinen Lichtung habe ich erstmals Blick über mehrere Wohngebäude der Stadt 



Wir spazieren weiter durch den Urwald und Maxim erzählt uns, dass er uns jetzt gleich den Grund zeigt warum es nicht mehr gestattet ist, Gebäude in Prypjat zu betreten. Wir gehen um eine Ecke und vor uns liegt ein eingestürztes Gebäude. Überall tritt man auf Scherben. Eine ehemalige Schule in Pryjat. Das eingestürzte Gebäude gibt einen Einblick in ein Klassenzimmer. Der Einbruch stoppte kurz vor einer Wand an der heute noch eine Tafel hängt. Die Tafel ist beschrieben und man hat den Eindruck, dass erst vor kurzem noch in diesem Klassenzimmer unterrichtet worden sein muss. Beim späteren Betrachten der Fotos mache ich eine etwas gruselige Erscheinung. Neben der Tafel hängt ein Poster. Abgerissene Streifen verraten, dass hier auch ein zweites gehangen ist. Das Motiv, das Konterfei von Karl Marx, ist (vermutlich durch die Gamma-Strahlung) in den Hintergrund der Pappe eingebrannt. 


Der radioaktive Schatten von Karl Marx

 Das eingestürzte Schulgebäude von Prypjat

Nach dem wir den "Urwald" verlassen haben kommen wir auf eine Lichtung. Vor uns sticht majestätisch der Kulturpalast Energetik in den Himmel. Auf seiner rechten Seite flankiert von einem ehemaligen Hotel. Energetik war das kulturelle Herz und Zentrum der Stadt. Kino, Theater, Musik, Tanz - die Mehrzweckhalle bot vielfältige Möglichkeiten der Zerstreuung. Neben dem Energetik und dem Hotel befand sich außerdem das Rathaus / die Stadtverwaltung. Ein großes Atomsymbol ist an dem Gebäude angebracht. Ich frage Maxim ob dieses Logo bereits zu "Lebzeiten" der Stadt angebracht war. Er verneint und erzählt mir, dass nach der Havarie dort die Atomenergiebehörde eingezogen ist um von dort die Dekontaminierung und Sarkophag-Bauarbeiten zu koordinieren. Der Energetikpalast selber ist ein typischer Sowjet-Bau und erinnert an vergangene Zeiten. In seiner Funktion ist er vergleichbar mit dem mittlerweile abgerissenen "Palast der Republik" in Berlin. Wir umrunden das Gebäude. In einem Seitenflügel, versteckt hinter vielen Bäumen, betreten wir den einzigen Raum neben dem Kindergarten. Es ist ein Zugang zur Tribüne des Energetik Palastes. Man sieht im Dunkeln noch verschiedene Stahlkonstruktionen der Mehrzweckhalle.

Kulturpalast Energetik

Das ehemalige Verwaltungsgebäude / Rathaus der Stadt


Das Hotel von Prypjat

Lobby des Hotels


Grafitti am Säulengang zwischen dem Hotelrestaurant und dem Energetik


Bestuhlungsplan des Energetik

Sowjet-Propaganda in einem Hinterraum des Energetik

Hinter dem Energetik Kulturpalast liegt der wohl abstruseste Ort in Prypjat. Ein kleiner Vergnügungspark. Ein Riesenrad, zwei Karussells und ein Boxauto hätten die Einwohner unterhalten sollen. Am 01. Mai 1986 wäre der Vergnügungspark eröffnet worden. Damit ist das Riesenrad wohl das einzige Riesenrad auf der Welt in dem nie lachende Kinder gesessen sind. Der Platz ist weitläufig und hätte ein Ort der Glückseligkeit sein sollen. Das Riesenrad ist eines der Mahnmale der Stadt. 

Der Wald teilt sich - auf der Lichtung steht das Riesenrad


 Strahlung auf dem Rummelplatz

Boxauto

Karusell

Das Riesenrad...

...das nie Fahrgäste begrüßt hat


Das Boxauto - im Hintergrund ein Wohnhaus mit Hammer und Sichel am Dach

Hinter dem Vergnügungspark liegt das Stadion von Prypjat. Ein Fußballfeld mit Laufbahn und Tribüne. Allerdings ist das Gelände so stark bewachsen, dass man nicht viel zu sehen bekommt. Wir gehen zurück durch den Vergnügungspark und kommen zurück auf den Hauptplatz am Kulturpalast Energetik. Wir passieren einen ehemaligen Supermarkt. Ein Einkaufwagen steht verlassen davor. Im hinteren Teil sind noch die Supermarktkassen erkennbar. Nicht erklärbar sind die Sofas, die im Raum stehen. Möbel hat der Supermarkt keine verkauft. Wir kommen an ein paar Infotafeln vorbei. An diesen wurde die Bevölkerung zu wichtigen Themen oder Veranstaltungen informiert. Im Hintergrund weht einsam eine Rote Fahne mit Hammer und Sichel. Irgendwie wirkt die Fahne fehl am Platz. An einem Gebäude sehe ich ein weiteres Graffiti. Diese Graffitis sind kein Vandalismus, sondern Bestandteil eines Kunstprojektes, das vor wenigen Jahren hier durchgeführt wurde. Jedes Graffiti soll Mahnmal und Erinnerung an das Leid und die Menschen der Stadt sein.  
Wir überqueren wieder den zentralen Platz von Prypjat. Wir gehen auf ein weiteres Gebäude zu. Einsam steht eine Telefonzelle am Fuß des großen Wohnblocks. Davor parkt unser roter Bus der uns einsammelt. Wir verlassen das Herz der Stadt und fahren noch einmal zurück in den tiefen Wald. Wir halten vor einem stark bewachsenen Gebäude. Es ist das große Schwimmbad der Stadt. Leider dürfen wir das Gebäude nicht betreten. Der Pool befindet sich im zweiten Stock. Von unten sieht man nur die hohe Hallenkonstruktion und kann einen Blick auf den Sprungturm werfen. Maxim erzählt, dass das Schwimmbad noch viele Jahre nach dem Reaktorunglück im Einsatz war und von Arbeitern der noch betriebenen Reaktoren benutzt wurde. Ich kann mir attraktiveres vorstellen, als in potenziell radioaktivem Wasser zu schwimmen. Aber für Menschen die ihren Arbeitsplatz direkt neben Reaktor 4 haben ist das wohl auch schon egal. 

 Der Supermarkt



 Ein letzter Gang über den zentralen Platz in Prypjat

Die Telefonzelle am Fuß des Wohnblocks


 Schwimmhalle - noch Jahre nach der Havarie in Betrieb -
Der Pool ist der letzte Zwischenstopp in Prypjat. Wir fahren aus der Geisterstadt heraus. Der Wagen springt an. Eine Nacht wie im Horror-Film "Chernobyl Diaries" bleibt uns erspart.

 Fahrt über Eisenbahnbrücke in der Nähe vom roten Wald - hier gehen die Strahlungswerte nochmal stark in die Höhe. Auffällig: die Schienen sind frei von Vegetation und scheinen gewartet zu werden

Mittlerweile sind wir alle hungrig. Da trifft es sich gut, dass wir bevor es nach Kiew zurück geht noch einen Zwischenstopp bei der Mitarbeiterkantine einlegen. Maxim rät uns die Hände gründlich zu waschen. Den Rat befolge ich! Beim Essen sitze ich Maxim gegenüber. Mit vollem Mund erklärt er mir, dass reichhaltige Nahrung wichtig ist und die Strahlung besser verträglich macht. Besser wird das fettige Huhn davon auch nicht. Immerhin wird garantiert, dass es sich nicht um regionale Nahrung handelt. Im Fall von Prypjat ist das ein Qualitätsmerkmal. Nach dem Essen laufen wir noch durch einen kleinen Park. Ein Wald von durchgestrichenen Ortschaftsschildern soll verdeutlichen wie viele Städte nach der nuklearen Katastrophe verlassen werden mussten. Außerdem machen wir noch einen kurzen Abstecher zu einem Einkaufsladen in Prypjat. Ebenfalls im Sperrgebiet. Hier gibt es alles zu kaufen was man so brauchen kann. Lebensmittel, alkoholische und nicht alkoholische Getränke und natürlich: auch ein paar Souvenirs. Ein Tschernobyl T-Shirt, eine Tschernobyl-Tasse. In Kiew verkaufen die Straßenhändler sogar ein T-Shirt im "Hard Rock Café" Design - Hard Rock Café Chernobyl - ganz so geschmacklos sind sie hier nicht. Ich kann es mir nicht verkneifen eine Tasse (für umgerechnet 3 Euro) zu kaufen. Und einen kleinen Wodka (nur eine kurze Neben-Anekdote: ich habe vergessen diesen kleinen Wodka aus meinen Rucksack herauszunehmen, am Transferflughafen in Frankfurt ist sie beim Handgepäck-Scannen aufgefallen. Nachdem der Security-Mensch gegen die Größe des Gemäß keine Einwände hatte, konnte ich es mir nicht verkneifen ihm zu sagen: "Sie wollen nicht wissen wo die herkommt" Er: "Nein, will ich nicht" Ich: "Ich verrate es Ihnen trotzdem - aus Tschernobyl" Er: "Ich wollte es wirklich nicht wissen! Na toll - jetzt bin ich verseucht" sagte und rannte zum Händewaschen zur Toilette" - ich freue mich, dass er am Abend was zu erzählen hat). 


 Abendessen in der Sperrzone

 Mitarbeiterkantine - wenige Kilometer vom Reaktor entfernt

Der "Park" mit den Ortsschildern der ausgelassenen Städte

 Tante Emma Laden in der Sperrzone - inkl. zwei Regalen mit Souvenirs

Wurst und Käse im Lebensmittelladen in Tschernobyl

 Fotostopp an der Grenze der Sperrzone - dritter von rechts: Maxim, unser Tourguide

Kontaminationsscanner - beim Verlassen der Sperrzone


Nach einem letzten Fotostopp vor einem weiteren Denkmal verlassen wir die Sperrzone. Nicht ohne durch den obligatorischen Kontaminationsscanner zu gehen. Es gibt zwei davon - einen am 10km Ring um das Kraftwerk einen weiteren am 30km Ring um das Kraftwerk. Durch beide müssen wir hindurch. Bei keinem von uns ist eine Kontaminierung feststellbar. Einziger Haken an dem System. Gegenstände die man im Bus zurücklässt werden nicht gescannt. Und theoretisch kann man ja alles Mögliche in den Bus hineinschmuggeln. Eine genaue Kontrolle was man alles durch den Scanner trägt gibt es nicht. Ich möchte nicht wissen, wer schon welche Souvenirs aus Prypjat mitgenommen hat. 

Auf dem Weg zurück nach Kiew verfalle ich in einen komatösen Schlaf und wache erst wieder auf, als wir das äußere Stadtzentrum erreicht haben. Der Tag war anstrengend gewesen. Natürlich gerate ich ins Grübeln. Was bedeutet dieser Ausflug jetzt für mich und meiner Einstellung zur Gewinnung von atomarer Energie? Vergessen kann ich den Augenblick nicht, als ich direkt vor Reaktor 4 stehe, Auge in Auge mit der unsichtbaren und tödlichen Strahlung,  mein Geigerzähler scheint zu explodieren und man realisiert, dass genau dieser Ort Sinnbild für menschliches Versagen und der zerstörerischen Kraft von nuklearer Energie ist. 

Nach diesen epischen Worten noch ein kleiner Abschluss zum Schmunzeln. Kiew hat circa 2,8 Mio. Einwohner und damit nochmal 1,1 Mio. Einwohner mehr als die Stadt in der ich lebe. Man sagt zwar zu meiner Stadt schon, dass sie ein Dorf ist. Bemerkenswert finde ich aber was mir in den Tagen nach Tschernobyl noch passiert ist. Am nächsten Nachmittag bin ich im Nitro-Park unterwegs und treffe durch Zufall Caro aus der Reisegruppe wieder. Nochmal einen Tag später spaziere ich durch das Höhlenkloster und laufe dem schwedischen Pärchen über den Weg. Ich erzähle den beiden von meinem zufälligen Treffen mit Caro und Jonathan meint schmunzelnd: die radioaktive Energie hat wohl eine magnetische Wirkung - auf alle von uns.


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